Frankfurter Erklärung zur Grundlagenkrise der Mission (1970)

"Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!" (1. Korinther 9,11)



Die Kirche Jesu Christi hat das heilige Vorrecht und die unabdingbare Verpflichtung, an der Sendung des dreieinigen Gottes in die Welt teilzunehmen. Dadurch soll Sein Name unter allen Völkern verherrlicht werden, von Seinem zukünftigen Zorn bedrohte Menschen gerettet und zu einem neuen Leben geführt und die Herrschaft Seines Sohnes Jesus Christus in Erwartung Seiner Wiederkunft aufgerichtet werden.

So hat die Christenheit den Sendungsauftrag Christi seit je verstanden und wahrgenommen, wenn auch nicht immer in der gleichen Treue und Klarheit. Die Erkenntnis von der Größe der Aufgabe und von der missionarischen Gesamtverpflichtung der Kirche führte zum Bemühen um die Hineinnahme der Mission in die Landeskirchen und 1961 in den Ökumenischen Rat der Kirchen als dessen Kommission und Abteilung für Weltmission und Evangelisation. Ihr Ziel, laut ihrer Veranlassung, ist es, darauf hinzuwirken, "daß das Evangelium von Jesus Christus in der ganzen Welt verkündigt wird, damit alle Menschen an Ihn glauben und gerettet werden". In dieser Bestimmung sehen wir das apostolische Grundanliegen des Neuen Testamentes, ebenso wie das Sendungsverständnis der Väter der evangelischen Missionsbewegung, zutreffend wiedergegeben.

Heute ist jedoch die organisierte christliche Weltmission in eine tiefe Grundlagenkrise geraten. Daran tragen nicht nur die äußeren Widerstände und unsere erlahmende geistliche Kraft in Kirchen und Missionsgesellschaften Schuld. Gefährlicher ist die Verschiebung ihrer vorrangigen Aufgaben aufgrund einer schleichenden theologischen Verfälschung ihrer Begründung und Zielsetzung.

Durch diese innere Zersetzung bedrängt, sehen wir uns veranlaßt, folgende öffentliche Erklärung abzugeben.

Wir wenden uns damit an alle evangelischen Christen, die sich durch den Glauben an die Erlösung durch Jesus Christus für den Fortgang Seines Rettungswerkes an der nichtchristlichen Menschheit verantwortlich wissen. Wir wenden uns an die Leitungen der Kirchen und Gemeinden, denen die weltweite Perspektive ihres geistlichen Auftrages deutlich geworden ist. Wir wenden uns schließlich an alle evangelischen Missionsgesellschaften und ihr übergreifenden Organe, die entsprechend ihrer geistlichen Tradition besonders berufen sind, über die echte Zielsetzung missionarischen Handelns zu wachen.

Wir bitten Sie herzlich und eindringlich, nachfolgende Thesen auf ihre biblische Begründung zu prüfen und festzustellen, in wieweit die abgewehrten Irrtümer und Handlungsweisen der tatsächlichen gegenwärtigen Sachlage in Kirche, Mission und Ökumene entsprechen. Im Falle Ihrer Zustimmung bitte wir Sie, dies durch ihre Unterschrift zu bekunden und sich in Ihrem Wirkungsbereich mit uns bußfertig und entschlossen für die Geltendmachung dieser Leitsätze einzusetzen.



Sieben unaufgebbare Grundelemente der Mission

1. "Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." (Matthäus 28,18-20)

Wir erkennen und bezeugen:

Die christliche Mission erfährt ihre Begründung, Zielsetzung, Arbeitsaufgabe und den Inhalt ihrer Verkündigung allein aus dem Auftrag des auferstandenen Herrn Jesus Christus und aus Seinem Heilswerk, wie uns beides im Zeugnis der Apostel und der Urchristenheit im Neuen Testament berichtet wird. Mission liegt im Wesen des Evangeliums begründet.

Damit wenden wir uns gegen die heutige Tendenz, Wesen und Aufgabe der Mission aus den gesellschaftspolitischen Analysen unserer Zeit und den Anfragen der nichtchristlichen Menschheit zu bestimmen. Was das Evangelium den heutigen Menschen im tiefsten zu sagen hat, ergibt sich nicht erst in der Begegnung mit ihnen, sondern ist durch das apostolische Zeugnis ein für alle Male normativ vorgegeben. Es bekommt durch die Situation nur einen neuen Aspekt der Anwendung. Die Preisgabe des Schriftprinzips führt zur Konturlosigkeit der Mission und zu ihrer Verwechslung mit einer allgemeinen Weltverantwortung.

 

2. "Also will ich denn herrlich, heilig und bekannt werden vor vielen Heiden, daß sie erfahren sollen, daß ich der Herr bin". (Hesekiel 38,23)

Ich will Dir danken, Herr, unter den Heiden und Deinem Namen lobsingen." (Psalm 18,50 und Römer 15,9)

Wir erkennen und bezeugen:

Das erste und oberste Ziel der Mission ist die Verherrlichung des Namens des einen Gottes auf der ganzen Erde und die Kundmachung der Herrschaft Jesu Christi, Seines Sohnes.

Damit wenden wir uns gegen die Behauptung, es ginge in der Mission jetzt nicht mehr so sehr um den Hinweis auf Gott, sondern um das Offenbarwerden des neuen Menschen und die Ausbreitung einer neuen Menschlichkeit in allen gesellschaftlichen Bezügen. Die Humanisierung ist nicht vorrangiges Ziel der Mission, sondern eine Auswirkung unserer Neugeburt durch Gottes Erlösungshandeln in Christus an uns, oder auch ein indirektes Ergebnis der christlichen Verkündigung in ihrer weltgeschichtlichen Durchsäuerungskraft.

Die vereinseitigende Ausrichtung des missionarischen Interesses auf den Menschen und seine Gesellschaft führt zum Atheismus.

 

3. "In keinem andern ist das Heil, ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin sie sollen selig werden." (Apostelgeschichte 4,12)

Wir erkennen und bezeugen:

Jesus Christus unser Heiland und wahrer Gott und wahrer Mensch, wie Er uns in der Heiligen Schrift in Seinem Persongeheimnis und Seinem Heilswerk vor Augen gestellt ist, ist Grund, Inhalt und Autorität unserer Sendung. Ziel dieser Sendung ist es, allen Menschen in allen Lebensbereichen die Gabe Seines Heils bekannt zu machen.

Dadurch fordern wir die Nichtchristen, die ja auf Grund der Schöpfung Gott gehören, zum Glauben an Ihn und zur Taufe auf Seinen Namen auf; denn in Ihm allein ist ihnen ewiges Heil verheißen.

Damit wenden wir uns gegen die seit der 3. Weltkirchenkonferenz zu Neu-Delhi in der Ökumene sich verbreitenden falschen Lehre, daß sich Christus anonym auch in den Fremdreligionen, dem geschichtlichen Wandel und den Revolutionen so offenbare, daß Ihm der Mensch ohne direkte Kunde des Evangeliums hier begegnen und sein Heil in Ihm finden könne.

Wir verwerfen zugleich die unbiblische Beschränkung der Person und des Werkes Jesu auf Seine Menschlichkeit und Sein sittliches Beispiel. Damit ist die Einzigartigkeit Christi und des Evangeliums zugunsten eines Humanitätsprinzips preisgegeben, das andere auch in anderen Religionen und Weltanschauungen finden können.

 

4. "Als hat Gott die Welt geliebt, daß Er Seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." (Johannes 3,16)

"So bitten wir nun an Christi Statt: 'Lasset Euch versöhnen mit Gott!" (2. Korinther 5,20)

Wir erkennen und bezeugen:

Mission ist verkündigende, sakramentale und diakonische Bezeugung und Darbietung des ewigen Heils in der Stellvertretung Jesu Christi durch Seine Gemeinde und Seine bevollmächtigten Sendboten. Dies Heil beruht auf dem ein für alle Male geschehenen Kreuzesopfer Jesu Christi für die gesamte Menschheit.

Die Zueignung dieses Heils an die einzelnen Menschen geschieht jedoch erst durch die in die Entscheidung rufenden Verkündigung und durch die Taufe, die die Glaubenden in den Dienst der Liebe stellen. Ebenso wie der Glaube in Buße und Taufe das ewige Leben empfängt, führt der Unglaube durch seine Ablehnung des Heilsangebotes in die Verdammnis.

Damit wenden wir uns gegen die objektivistische Meinung, als ob in Kreuz und Auferstehung Jesu Christi bereits die ganze Menschheit aller Zeiten neu geboren sei und unabhängig von dem Wissen um das geschichtliche Heilshandeln Gottes und ihren Glauben daran schon Friede mit Ihm hätte. Durch solche falsche Auffassung verliert der Evangelisationsauftrag seine Vollmacht und Dringlichkeit. Die unbekehrten Menschen werden in eine verhängnisvolle Sicherheit über ihr ewiges Schicksal gewiegt.

 

5. "Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das Volk des Eigentums, daß ihr verkündigen sollt die Wohltaten des, der euch berufen hat von der Finsternis zu Seinem wunderbaren Licht." (1. Petrus 2,9).

"Stellt euch nicht dieser Welt gleich!" (Römer 12,2).

Wir erkennen und bezeugen:

Das vorrangige und sichtbare Arbeitsziel der Mission ist die Sammlung der messianischen Heilsgemeinde aus und unter allen Völkern.

Die missionarische Verkündigung soll überall zur Pflanzung der Kirche Jesu Christi führen, die eine neue, ausgegrenzte Wirklichkeit als Salz und Licht in ihrer gesellschaftlichen Umwelt darstellt.

Den Gliedern der Gemeinde schenkt der Heilige Geist durch das Evangelium und die Sakramente das neue Leben und eine geistliche Gemeinschaft mit dem real bei ihnen gegenwärtigen Gott und untereinander, die in Ewigkeit Bestand hat. Aufgabe der Gemeinde ist es, durch ihr Zeugnis auch die Verlorenen, die noch außerhalb ihrer Gemeinschaft leben, zur heilbringenden Gliedschaft am Leibe Christi zu bewegen und das Evangelium als neue Gemeinschaft darzustellen.

Damit wenden wir uns gegen die Anschauung, als ob die Kirche als Gemeinde Jesu nur ein Teil der Welt sei. Wir verneinen die Einebnung des seinshaften Unterschiedes zwischen beiden in eine bloß erkenntnismäßigen und funktionalen. Wir bestreiten, daß die Kirche der Welt nichts anderes voraus habe, als allein das Wissen um das zukünftige Heil angeblich aller Menschen.

Wir wenden uns weiter gegen das einseitig verdiesseitigte Heilsverständnis, nach dem Kirche und Welt nur gemeinsam an einer rein sozialen Versöhnung Anteil haben. Das würde zur Selbstauflösung der Kirche führen.

 

6. "Gedenket daran, daß ihr, die ihr vormals ... Heiden gewesen seid ... zu jener Zeit waret ohne Christus, ausgeschlossen vom Bürgerrecht in Israel und fremd den Testamenten der Verheißung: daher ihr keine Hoffnung hattet und waret ohne Gott in der Welt." (Epheser 2,11-12).

Wir erkennen und bezeugen:

Das Heilsangebot in Christus richtet sich ausnahmslos an alle Menschen, die Ihm noch nicht im bewußten Glauben verbunden sind. Die Anhänger fremder Religionen und Weltanschauungen können an diesem Heil nur dadurch Anteil bekommen, daß sie sich von ihren vormaligen Bindungen auf ihren falschen Hoffnungen befreien lassen, um durch Glaube und Taufe in den Leib Christi eingegliedert zu werden. Auch Israel soll sein Heil in der Bekehrung zu Jesus Christus finden.

Damit verwerfen wir die Irrlehre, als ob die Religionen und Weltanschauungen auch Heilswege neben dem Christusglauben seien.

Wir bestreiten, daß "christliche Präsenz" unter den Anhängern der Fremdreligionen und wechselseitiger religiöser Austausch mit ihnen im Dialog ein Ersatz für die zur Bekehrung drängende Verkündigung des Evangeliums seien, statt allein eine gute Form missionarischer Anknüpfung. Wir bestreiten, daß die Entlehnung christliche Ideen, Hoffnungsziele und sozialer Verhaltensweisen auch abgesehen von deren ausschließlicher Beziehung auf die Person Jesu Christi die Fremdreligionen und Ideologien zu einem Ersatz für die Kirche Christi machen können. Sie geben ihnen vielmehr eine synkretistische und damit antichristliche Ausrichtung.

 

7. "Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reiche der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen" (Matthäus 24,14).

Wir erkennen und bezeugen:

Die christliche Weltmission ist das entscheidende fortschreitende Heilshandeln Gottes unter den Völkern zwischen Auferstehung und Wiederkunft Jesu Christi.

Durch die Predigt des Evangeliums werden immer neue Völker und Menschen in die Entscheidung für oder gegen Christus gerufen.

Wenn alle Völker das Zeugnis von Ihm gehört und ihre Antwort gegeben haben, wird sich der Konflikt zwischen Gemeinde Jesu und der Welt unter deren Führung durch den Antichristen aufs bedrängendste zuspitzen. Dann wird der wiederkommende Christus selbst diese Weltzeit abbrechen, die dämonischen Mächte des Bösen unschädlich machen und Sein messianisches Reich sichtbar und uneingeschränkt aufrichten.

Wir verwerfen die unbegründete Behauptung, daß die Zukunftserwartung des Neuen Testamentes durch das Ausbleiben der Wiederkunft Jesu widerlegt worden und darum aufzugeben sei.

Damit verwerfen wir zugleich die schwärmerische Ideologie, als ob entweder unter dem Einfluß des Evangeliums oder unter der anonymen Wirksamkeit Christi in der Weltgeschichte die gesamte Menschheit schon in dieser Weltzeit einem Zustand allgemeinen Friedens und der Gerechtigkeit zugehe und schließlich unter Christus zu einer großen Weltgemeinschaft vereint werden würde.

Wir verwerfen die Ineinssetzung von Fortschritt, Entwicklung und sozialem Wandel mit dem messianischen Heil und ihre fatale Konsequenz, daß Beteiligung an der Entwicklungshilfe und revolutionärer Einsatz in den Spannungsfeldern der Gesellschaft die zeitgenössischen Formen christlicher Mission seine. Diese Ineinssetzung wäre vielmehr die Selbstauslieferung an die schwärmerischen Bewegungen dieser Zeit in Richtung auf deren antichristlichen Fluchtpunkt.

Wir bejahen dagegen das entschlossene Eintreten aller Kirchen für Gerechtigkeit und Frieden und en Entwicklungsdienst als eine zeitgemäße Verwirklichung der göttlichen Forderung nach Barmherzigkeit und Recht sowie des Liebesgebotes Jesu.

Wir sehen darin eine wichtige Begleitung und Beglaubigung der Mission. Wir bejahen auch die humanisierenden Konsequenzen der Bekehrung als zeichenhafte Hinweise auf den kommenden messianischen Frieden.

Wir betonen aber, daß im Unterschied zur ewig gültigen Vergebung im Glauben an das Evangelium all unsere sozialen Errungenschaften und politischen Teilerfolge durch das eschatologische "Noch nicht" des kommenden Reiches und die noch nicht vernichtete Macht der Sünde, des Todes und des Teufels, des "Fürsten dieser Welt", begrenzt werden.

Das setzt unserem missionarischen Dienst seine Priorität und stellt ihn in die sich ausstreckende Erwartung Dessen, der uns verheißt:

"Siehe, ich mache alles neu!"


Diese Erklärung wurde einmütig angenommen vom Theologischen Konvent der Bekenntnisbewegung "Kein anderes Evangelium", auf seiner Tagung am 4. März 1970 im Dominikaner-Kloster in Frankfurt am Main. (vgl. Liste aller Erklärungen des Theologischen Konvents Bekennender Gemeinschaften 1970-2004)



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Ins Netz gesetzt am 27.11.2002; letzte Änderung: am 15.10.2014
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